Risse der Melodie

Risse der Melodie
Er betrügt mich. Ich toleriere es. Denn was, wenn ich ihn zur Rede stelle und er wählt nicht mich, sondern ihn? Und was, wenn er mich wählt? Unsere Beziehung wird nie mehr so sein wie zuvor. Zerbrochenes Glas lässt sich nicht einfach kleben und ist wie neu. Die Risse bleiben bestehen. Noch sind die Risse unsichtbar.
Seit Noahs Eltern ihn mit 17 Jahren vor die Tür setzten, lebt er für die Bühne statt für die Zukunft. Frei, rastlos, immer auf der Flucht vor echten Bindungen.
Nur einer blieb all die Jahre an seiner Seite: Tom. Sein bester Freund. Seine erste große Liebe. Der Mann, den er nie vergessen konnte.
Obwohl Tom verheiratet ist und Kinder hat, führen die beiden seit Jahren eine heimliche Affäre. Innerlich zerfrisst Noah diese hoffnungslose Liebe. Als auch noch Briefe seines verstorbenen Bruders auftauchen und alte Wunden aufreißen, muss Noah eine Entscheidung treffen: Hält er weiter an Tom fest? Oder wagt er eine Beziehung mit Livia und Chris, die seine Vorstellung von Familie, Treue und Liebe infrage stellen?
Begeisterte Leserstimmen:
»Folgen nach Veröffentlichung!«
Leseprobe:
»Noah! Was machst du denn hier?«
Diese Frage stelle ich mir auch schon seit mindestens fünfzehn Minuten. Was nun? Soll ich einen Rückzieher machen?
»Hallo Mama! Ich wollte euch besuchen. Wenn ich darf.«
»Deinem Vater geht es nicht so gut.« Sie verschränkt die Arme vor ihrer Brust. Was habe ich erwartet? Etwa ein herzliches Willkommen? Nervös sieht sie sich um, vermutlich hat sie Angst, Nachbarn könnten mitbekommen, dass sie mit mir redet. Einem Ausgestoßenen.
»Also ... ich glaube, du würdest Papa nur aufregen.«
»Ich werde ihn nicht aufregen.« Ein falsches Versprechen von meinen Lippen.
»Ach Noah.« Mein Namen ist mehr Seufzen als sonst was.
»Wie lange ist er schon krank?«
»Wieso interessiert dich das?« Da ist wieder diese Ablehnung in ihrem Blick.
Ist das nicht offensichtlich? Vielleicht aber auch nicht. »Er ist mein Vater.«
»Wir haben dich zehn Jahre lang nicht gesehen.«
»Weil ihr nicht wolltet.«
»Wir wollten nicht, dass du ins Verderben rennst.« Ihre Stimme zittert.
(...)
Mein Vater lehnt auf dem Stock. Seine Krankheit hat einen Greis aus ihm gemacht. Seine Wangen sind eingefallen, da sind Bartstoppeln auf seinem sonst immer glattrasierten Gesicht. Sein Haar ist schütter und ergraut. Er ist ein Schatten seiner selbst. Wo ist der strenge Mann, der mich stets gemaßregelt hat, wenn ich mich nicht züchtig genug verhielt?
»Noah.« Die Tonlage ist undeutbar.
»Wie ... geht es dir, Papa?« Ich fühle mich unwohl, hier zwischen Tür und Angel. Reinbitten werden meine Eltern mich aber vermutlich nicht. Viel eher jagen sie mich gleich davon.
»Ich sterbe.« Die Gelassenheit, mit der er spricht, jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.
Ich öffne den Mund und schließe ihn wieder. Die passenden Worte wollen nicht kommen. Was sagt man auch darauf?
Leseprobe 2:
»Warum lässt du dich nicht scheiden, Tom?«
Keine Ahnung, wer überraschter über meine Frage ist: Er oder ich. Doch jetzt, wo ich die Worte ausgesprochen habe, kann ich mich nicht mehr zurückhalten. »Sie vertraut dir nicht mehr. Und wie könnte sie auch? Du hast sie über Jahre betrogen. Wie soll eine Ehe ohne Vertrauen funktionieren?«
»Weil du ja so viel Ahnung von Beziehungen hast.« Sein Tonfall ist bissig, die Anschuldigung schmerzt, doch ich ignoriere das Ziehen in der Brust.
»Du hast doch gesagt, du bist mein Seelenverwandter.«
»Das bin ich. Aber sie ist meine Frau, Noah. Das musst du doch verstehen.«
»Geht es um dein Image?« Ich stelle das Glas auf die Arbeitsfläche. »Willst du dich nicht outen? Ist es das? Schämst du dich, mit einem Mann gesehen zu werden?«
Tom öffnet den Mund und schließt ihn. »Wird das jetzt ernsthaft so ein Gespräch?«
»Dieses Gespräch ist längst fällig.«
Er seufzt. »Lass uns einfach auf dich anstoßen und dann ...«
»Ich kann das nicht mehr, Tom.« Angestrengt blinzele ich. »Ich vermisse dich. Die letzten Wochen waren furchtbar. Du hast mir gefehlt. Du hast heute gefehlt. Ich liebe dich und dass ich dich jetzt gar nicht mehr sehen kann, ist ...«
»Es ist doch nur für eine Weile.«
Ein Schnauben entkommt meinem Mund. »Redest du dir das ernsthaft ein? Und was ist mit Weihnachten, hm? Was mache ich da? Ihr alle feiert zusammen und ich?« Nässe an meiner Wange, ich bin so eine verfluchte Heulsuse. »Deine Familie war immer mehr Familie als meine eigene. Das weißt du. Und jetzt bin ich unerwünscht.«
»Das ist doch Blödsinn! Sie haben heute alle mit dir gefeiert.«
»Ja, aber was wird an Weihnachten sein? An Peters Sechziger? Selina will mich nicht da haben und ... Ich gehöre nicht richtig dazu. Dabei gehöre ich zu dir, Tom. Und du weißt es ganz genau. Warum kommst du sonst immer wieder zu mir? Warum lügst du sie an? Wieso ...«
»Ich komme immer wieder, weil du mir wichtig bist. Du bist mein ältester Freund, Noah, und du weißt, dass ich dich liebe.«
»Dann verlasse sie. Scheiße, ich hätte mir nie gedacht, mal einen Meredith-Grey-Moment zu haben, aber verflucht noch mal: Wähle endlich mich!« Erwartungsvoll sehe ich ihn an, doch er weicht meinem Blick aus und schaut zu Boden.
»Ich kann nicht.«


